Die Ohnmacht der Mächtigen

Anmerkungen zum Unterschied zwischen Zwang und Notwendigkeit

Januar 2007

Inhalt:

1. Der Totentanz

2. Der Verkauf der eigenen Arbeitskraft

3. Indirekte Steuerung

[Bibliographische Angaben]

 

La crainte de la mort … est une anse par laquelle le robuste nous saisit et nous mène où il lui plaît. Rompez l'anse, et trompez la main du robuste. (Diderot) [1]

1. Der Totentanz

Die Entstehung des Kapitalismus wurde in der bildenden Kunst von einem merkwürdigen Motiv begleitet, das kurz vor Beginn des 15. Jahrhunderts wie ein Meteor erschien – besonders in den Städten der Hanse – und bald darauf – gegen Ende des 16. Jahrhunderts – wieder verschwand, um später nur noch gelegentlich zitiert oder künstlich wiederbelebt zu werden. Es war der Totentanz.

In der Regel handelt es sich dabei um eine Bilderfolge, die eine Reihe lebendiger Menschen in Begleitung des Todes zeigen, welch letzterer als Knochen- oder Sensenmann dargestellt wurde.

Die da mit dem Tod tanzen, sind aber eigentlich keine interessanten, einzelnen Individuen, sondern Repräsentanten gesellschaftlicher Stände, und die Anordnung der Einzelbilder folgt der Abstufung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse. Oben geht es los – mit Papst und Kaiser, Bischöfen, Herzögen und allem möglichen Adel, einschließlich der zugehörigen Adels- oder Edelfrauen. Es folgen Richter, Ärzte, Geldverleiher. Dann kommen verschiedene Handwerker und der Bauer, wobei Männer und Frauen einander abwechseln können. Den Abschluß machen gewöhnlich der Bettler und der Säugling. Und neben oder hinter jeder dieser Figuren geht, steht oder tanzt ein „schlockerndes Gebein“.

Hier ein Beispiel aus dem Totentanz der Hansestadt Tallin (Reval) aus der Mitte des 15. Jahrhunderts - vermutlich von Bernd Notke, von dem auch der inzwischen zerstörte Totentanz in der Marienkirche von Lübeck stammte (Abb. 1).

Zunächst ist der Totentanz nur ein weiteres Mittel zur unbequemen Erinnerung an unsere eigene Sterblichkeit, ein sogenanntes Memento Mori: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden“ (90. Psalm). Es soll Leute geben, die sich zu diesem Zweck einen Totenschädel ins Zimmer legen.

Im Fall der Totentänze wird diese Erinnerung nun aber – zweitens – auf die gesellschaftliche Ungleichheit bezogen und zwar so, daß sie diese einebnet: In Hinsicht auf die Sterblichkeit sind alle gleich. Das Stundenglas nimmt keine Rücksicht auf Reichtum, Macht und Erfolg. Der Tod raubt uns alle sozialen Distinktionen, an denen wir uns sonst festhalten, auf die wir uns etwas einbilden oder die uns imponieren. Nach der Verwesung bleiben von uns allen nur die Gerippe übrig, die sich weder individuell, noch sozial zuordnen lassen[2].

Das ist für jeden unangenehm, aber für die Vornehmen ist es darüber hinaus peinlich. Der Tod holt die Fürsten vom Thron. Sie müssen heraus aus ihren Palästen und in dieselbe dreckige Erde, wie wir anderen armen Toten auch[3]. Der Totentanz zeigt es ihnen.

Was des einen Peinlichkeit, ist des anderen Genugtuung. Die Totentänze lassen sich denn auch als Herrschaftskritik verstehen, wobei die Beherrschten listigerweise ihre eigene Sterblichkeit als eine Art Argument zur moralischen Demontage und Demütigung der Herrschenden benutzen: Wir sind zwar am Ende tot, aber dasselbe Ende blüht auch euch! Ihr werdet gemeinsam mit uns auf den Gräbern tanzen müssen und dabei keine bessere Figur machen als wir (lose-lose statt win-win).

Die latente sozialkritische Absicht tritt bei den späteren Totentänzen an die Oberfläche. Hier ein Beispiel aus einer Holzschnittfolge von Holbein dem Jüngeren, erschienen 1538 in Lyon (Abb. 2).

Zwei Bittsteller erscheinen vor dem Kaiser: ein prunkvoll gekleideter Reicher (stehend) und ein ärmlich gekleideter Armer (kniend). Der Kaiser ist ganz dem Reichen zugewendet und übersieht den Armen. Nun erscheint hinter dem Kaiser und höher als er der Tod, packt den Kopf des Kaisers und steht im Begriff, ihn mit Gewalt auf den Armen zu richten – vermutlich dadurch, daß er ihm das Genick bricht. Aus der Perspektive des Totentanzes ist die Stunde des Todes die Stunde der Wahrheit – nämlich die, die den Herrschenden schlägt. – Der Tod steht dabei zwar auf der Seite des Armen, aber so, daß es dem Armen nichts nützt: Wenn der Kaiser endlich in seine Richtung schaut, kann er nichts mehr für ihn tun (lose-lose).

Daraus folgt aber drittens, daß der Tod hier als einer erscheint, der mächtiger ist als die Mächtigen. Dieser Logik entspricht, daß die gesellschaftlichen Insignien und Distinktionen der Macht auf ihn übertragen werden können und der Tod als eine Art Überherrscher – Herrscher über die Herrschenden - dargestellt werden kann, indem man ihm etwa eine Krone aufsetzt. Einen solchen gekrönten Tod findet man bei Dürer. Man findet ihn aber auch auf der Außenwand einer Kirche in der Lombardei.

Das ist der Tod von Clusone[4] (Abb. 3). Die weltlichen und kirchlichen Fürsten reichen dem Tod Geschenke hin; sie wollen ihren Reichtum nutzen, um den Tod zu bestechen, sie zu verschonen oder ihnen Aufschub zu gewähren. Offenkundig vergeblich. Der Tod blickt über sie hinweg wie sonst der Kaiser über die Armen. Das Fazit lautet: Nicht die, die die Macht zu haben scheinen, sondern der Tod regiert in Wahrheit die Welt. Er rangiert dabei an einer Stelle, wo man sonst - zumal an der Außenwand einer Kirche - Gott erwarten könnte und zwar in der Rolle der Allmacht, von der sich die Macht der nicht-allmächtigen Mächtigen herleiten will. Aber an der Wand der Kirche von Clusone wird Herrschaft nicht legitimiert, sondern decouvriert: Das System wird vorgeführt.[5]

Der Tod wirft seinen Schatten in sein Gegenteil voraus und regiert über das Leben. Denn schon bevor er kommt, droht er zu kommen. Wir haben einen Termin mit dem Tod von der Form certus an, incertus quando: daß er kommt, ist gewiß, ungewiß ist lediglich, wann. Da er schnell kommen kann und im Zweifel auch sofort, hat der Tod uns schon im Leben im Griff, lange bevor er selber da ist, und zwar erstens in Gestalt der Angst vor dem Tod, sowie zweitens – mindestens ebenso mächtig – in Gestalt der Verdrängung und Verleugnung dieser Angst. Der Totentanz unterbricht als memento mori die Verdrängung, und gegen die Angst setzt er die Erinnerung (die kein Trost ist), daß nicht nur wir die Angst haben, sondern auch diejenigen, vor denen wir sonst Angst haben. Und das sind nun allerdings Menschen.

Damit verkehrt sich die Perspektive: Wenn der Tod wie ein Herrscher über den Herrschenden steht, dann stehen im Gegenzug die Herrschenden über den Beherrschten wie der Tod. Die Macht der Mächtigen reicht genau so weit, wie sie sich auf die Todesangst stützen kann. Während der Tod als der große Gleichmacher auftrat, erweist sich die Todesangst als Funktionsprinzip aller sozialen Ungleichheit: Nur weil sie Angst vor dem Tod haben, sind Menschen von Menschen beherrschbar. In Gestalt des gekrönten Todes herrscht darum die Herrschaft selber (ihr Prinzip) über die Menschen. Die Gleichheit, die der Tod herbeiführt, reduziert sich auf die gleiche Ohnmacht aller Menschen - der Herrschenden, wie der Beherrschten - gegenüber der Existenz von Macht- und Herrschaftsverhältnissen.

Aber das ist nicht das letzte Wort des Totentanzes. Wer nämlich ein zweites Mal hinschaut, erkennt, daß auch der Tod des Totentanzes selbst ein Mensch ist, wenn auch ein verwester. Indem der Tod als menschliches Gerippe dargestellt wird, wird er als toter Mensch dargestellt und nicht etwa – wie im Altertum – als eine besondere Art von Engel oder Teufel[6]. Die Begegnung mit dem Tod ist insofern nicht nur eine Konfrontation des Menschen mit seiner natürlichen Sterblichkeit, sondern zugleich eine Begegnung des Menschen mit sich selbst (in Gestalt dessen, was am Ende aus ihm wird). Hinter dem Verhältnis der Menschen zur Natur tritt das Verhältnis der Menschen zu sich selbst hervor und verrät das eigentliche Geheimnis des Totentanzes: Auch auf die Tiere wartet ein natürliches Ende, aber nur bei den Menschen herrschen die Toten über die Lebendigen - und zwar so, daß sich die Macht der Mächtigen als identisch mit ihrer Ohnmacht gegenüber der Macht der Toten erweist - nämlich als deren notwendige Kehrseite.

2. Der Verkauf der eigenen Arbeitskraft

„Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer … den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.“ (Marx)[7]

Im zweiten Sinn dieses Doppelsinns steckt die Todesdrohung. Weil ihm die zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen fehlen, kann sich der Arbeiter die Mittel nicht beschaffen, die er zum Leben braucht. Er geht also zugrunde, wenn es ihm nicht gelingt, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Oder - noch einmal anders ausgedrückt: - der Verkauf seiner Arbeitskraft ist eine notwendige Bedingung für sein Überleben.

Aber anders als ein Sklave oder ein Leibeigener ist er eine freie Person. Der Sklave wird zum Arbeiten gezwungen, indem man ihn äußerstenfalls mit dem Tod bedroht. Dem Arbeiter bleibt es selbst überlassen, ob er seine Arbeitskraft verkauft oder nicht. Da er aber nicht nur eine freie Person, sondern zugleich frei von Produktionsmitteln ist, droht ihm der Tod, wenn er es nicht tut, so daß ihm bei aller Freiheit seiner Person gar nichts anderes übrig bleibt.

Er wird nicht mit dem Tod bedroht, sondern ihm droht der Tod: Der in diesem Übergang liegende Formwandel der Todesdrohung[8] kommt im Doppelsinn der Freiheit des Lohnarbeiters zum Tragen. Er ist für den Begriff des Verhältnisses von Lohnarbeit und Kapital konstitutiv.

Wer diesen Formwandel bestimmen will, muß mit der Sprache kämpfen. Wir reden nämlich von der hier vorkommenden Differenz in Ausdrücken, die sie verbergen.

Wenn jemand unseren Willen beugt, indem er uns mit dem Tod bedroht, zwingt er uns; wir werden von ihm gezwungen. Wenn uns der Tod droht, falls wir dieses oder jenes tun oder nicht tun, sprechen wir davon, daß wir gezwungen sind oder uns gezwungen sehen. Die ‚doppelte Freiheit’ des Arbeiters läge darin, daß er zwar

a)      nicht gezwungen wird seine Arbeitskraft zu verkaufen, aber

b)      gleichwohl dazu gezwungen ist oder sich, wie die Dinge liegen, dazu gezwungen sieht, sowie

c)       darin, daß gezwungen werden und gezwungen sein nicht identisch sind (nicht ‚auf dasselbe hinauslaufen’).

Für den Fall b) ist seit längerem auch das Wort Sachzwang im Gebrauch. Wenn man an dieser Neubildung festhalten wollte, müßte man den Umstand, daß der freie Arbeiter seine Arbeitskraft als Ware verkaufen muß, als den ‚Ur-’ oder ‚Proto-Sachzwang’ des Kapitalismus bezeichnen[9]. Eine Erörterung des Arbeitskraftverkaufs zeigt denn auch am schnellsten, was es mit diesem Sprachgebrauch auf sich hat - und was nicht.

Wir reden bei solchen Gelegenheiten so, als hätten wir es mit verschiedenen Fällen oder Sorten von Zwang zu tun. Natürlich darf jeder reden, wie er will. Man muß aber wissen, daß man mit diesen Ausdrücken um einen heißen Brei herumredet, nämlich um den Unterschied zwischen Zwang und Notwendigkeit.

Ich schlage vor, von Zwang im eigentlichen Sinne nur dort zu sprechen, wo auf der Seite des Zwingenden und ebenso auf der Seite des Gezwungenen ein Wille vorhanden ist. Menschen üben Zwang aus gegenüber anderen Menschen. Eine Sache zwingt mich nicht, weil sie nichts von mir will. Umgekehrt: Ich will etwas von ihr. Und da ich die Sache nicht zwingen kann, muß ich mich auf eine sachgerechte Weise verhalten, wenn ich mit ihr oder unter ihrer Voraussetzung etwas Bestimmtes erreichen will. Nicht ein von der Sache ausgehender Zwang manifestiert sich dabei, sondern die in der Sache liegende Notwendigkeit.[10]

Die Bestimmung des Formwandels der Todesdrohung im Kapitalismus hängt von der logischen Differenzierung zwischen Zwang und Notwendigkeit ab, genauer gesagt von der Bestimmung des Unterschieds zwischen

a)      dem Verhältnis von Freiheit und Zwang auf der einen und

b)      dem Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit auf der anderen Seite.

Mit diesem Unterschied bekommen wir es spätestens dann zu tun, wenn der doppelt-freie Arbeiter seine Arbeitskraft verkauft. Dabei tritt nämlich der Zwang an die Stelle, an der vorher die Notwendigkeit stand.

Die freien Arbeiter kommen auf die freien Produktionsmittelbesitzer von sich aus zu und bitten um einen Arbeitsvertrag, da ihnen der Tod im Nacken sitzt. Zwang ist dabei überflüssig. Die Notwendigkeit besorgt das Geschäft. Mit der Unterschrift unter den Arbeitsvertrag verändert sich aber die Lage. Im Arbeitsvertrag unterwirft sich der Arbeiter für die Dauer der Arbeitszeit dem Kommando des Arbeitskraftkäufers. Er war gezwungen, den Vertrag zu unterschreiben. Sobald er ihn unterschrieben hat, tritt an die Stelle des drohenden Todes ein drohender Kommandant. Jetzt wird er gezwungen (mittels Strafandrohungen) zu tun, was der Käufer seiner Arbeitskraft will.

Allerdings wird ihm auch im äußersten Fall nicht mit dem Tod gedroht, sondern mit der Kündigung des Arbeitsvertrags und also damit, ihn in eine Situation zurückzustoßen, in der ihm wieder der Tod droht, wenn es ihm nicht gelingt, seine Arbeitskraft aufs Neue zu verkaufen[11]. Das Zwangsverhältnis, das durch den Arbeitsvertrag begründet wird, ruht also auf einer indirekten Todesdrohung, die unmittelbar nicht von einem anderen Menschen - dem Arbeitskraftkäufer - ausgeht, sondern von den materiellen Bedingungen, unter denen Arbeitskraft ge- und verkauft wird.

Der Arbeitskraftkäufer ist der Mächtige in diesem Spiel, da er über die sachlichen Bedingungen zur Verwirklichung menschlicher Arbeitskraft verfügt. Er muß seinen Willen nicht unterordnen, sondern kann umgekehrt aufgrund seiner Macht den Willen anderer seinem eigenen Willen unterwerfen. Dadurch übersetzt er seine Macht in Herrschaft über andere Menschen, die es ihm erlaubt, den Produktionsprozeß nach seinem eigenen Willen zu dirigieren. Die Ausübung von Zwang ist dabei das Mittel zum Zweck.

Die Macht der Mächtigen reicht aber nicht bis zu den Voraussetzungen ihrer selbst. Die mächtigen Kapitaleigner herrschen über andere Menschen, aber über die Bedingungen, die ihnen diese Herrschaft überhaupt erst ermöglichen, herrschen sie nicht. Diese entwickeln sich wesentlich unbeherrscht, woran sich die ebenso allgemeine, wie weitreichende geschichtstheoretische These anschließen läßt, daß die Herrschaft von Menschen über andere Menschen überhaupt nur die Kehrseite der mangelnden Herrschaft der Menschen über sich selbst ist.

Aber schon vorher kann man an der Ohnmacht der Mächtigen folgende vier Seiten unterscheiden, in denen sich die Dialektik des Totentanzes wiederholt:

Erstens droht der Tod allen: Auch der Kapitalist hat es mit Notwendigkeiten zu tun, die in der Sache liegen. Er muß sowohl in Hinsicht auf die Herstellung, als auch in Hinblick auf die Vermarktung der Produkte sachgerechte Entscheidungen treffen. Daß er - anders als der freie Arbeiter nach Abschluß des Arbeitsvertrags - tun kann, was er selber will, heißt eben nicht, daß er tun kann, was er will[12]. Wenn er seine Macht in willkürlichen Entscheidungen ausleben will, statt sachgerecht auf die vorgefundenen Bedingungen zu reagieren, riskiert er sein Kapital zu verlieren und dort zu landen, wo er sonst die freien Arbeiter vorfindet: auf dem Arbeitsmarkt (wo der Tod droht).

Zweitens stützt sich die Macht auf den Tod: Die Bedingungen der Möglichkeit der Kapitalbildung stehen nicht in der Macht des Mächtigen. Er findet sie vor. Daß freie Arbeiter ihre Arbeitskraft auf dem Markt anbieten, hat niemand geschickt eingefädelt. Es ist schon gar nicht das raffinierte Werk von Kapitalisten, die den Kapitalismus erfunden hätten. Vielmehr hat sich das alles im Laufe der menschlichen Geschichte so ergeben. Und das, was sich ergeben hat - daß anderen Menschen der Tod droht, wenn sie ihre Arbeitskraft nicht verkaufen -, wird von den Geld- und Warenbesitzern als Faktum vorgefunden und ausgenutzt[13]. Ihre Macht stützt sich auf eine Drohung, die nicht nur nicht von ihnen selbst stammt, sondern zu der sie auch gar nicht fähig wären, selbst wenn sie wollten.

Drittens regiert der Tod die Welt:  Der Kapitaleigner findet diese Bedingungen aber nicht nur vor, sondern sie haben ihn auch im Griff. Wenn er sich unter den von ihm vorgefundenen Bedingungen sachgerecht verhalten will, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als sie zu reproduzieren - unabhängig davon, ob er das will, und ohne, daß er davon ein Bewußtsein hat. Die Verhältnisse besitzen eine Eigendynamik, die stärker ist als er. Deswegen setzen sie sich hinter seinem Rücken, aber vermittelt über seinen eigenen Willen durch. Marx hat in diesem Sinne die Kapitalisten von jeder persönlichen Verantwortung für den Kapitalismus ausdrücklich freigesprochen.[14] Sie können nichts dafür.

Viertens zeigt sich der Tod als toter Mensch: Hinter den Bewegungsgesetzen der gesellschaftlichen Verhältnisse steht aber der Mensch selbst. Die Eigendynamik der Entwicklung ist selbstgemacht. So wie sich der Tod des Totentanzes als toter Mensch zu erkennen gab, lassen sich die übermächtigen Bedingungen von Herrschaft als Menschenwerk erkennen, nämlich als das Resultat der Tätigkeit vergangener Generationen. Was für diese ein selbstgemachtes Resultat ist, ist für die nächste Generation eine vorgefundene Voraussetzung, die sie nehmen müssen, wie sie kommt. Darum verhalten sich die Menschen auf doppelte Weise zu sich selbst. Sie sind, nach einem Wort von Marx: „Verfasser und Schausteller ihres eigenen Dramas“[15].

Die Kritik der politischen Ökonomie von Marx läßt sich in diesem Sinne als Wissenschaft von der Ohnmacht der Mächtigen lesen. Allerdings kehrt sie die Perspektive des Totentanzes um, indem sie nicht beim lose-lose stehenbleibt, sondern begreift, warum und inwiefern der Tod die Welt regiert. Niemand beherrscht die Entwicklung der Herrschaftsverhältnisse, und auch und gerade die Herrschenden selbst sind ihr unterworfen. Aber die unbeherrschte Entwicklung hat Methode. Sie folgt einer Logik, die sich nachvollziehen und begreifen läßt.[16]

Dadurch lassen sich Zwangsverhältnisse selbst als ein Fall von Ohnmacht der Mächtigen identifizieren. Die Käufer der Arbeitskraft reagieren damit auf eine in den sachlichen Bedingungen der Kapitalverwertung liegende Notwendigkeit. Für die Organisation der Arbeit ist Zwang notwendig! - in anderen Worten: ‚Wir können nicht anders, weil es gar nicht anders geht!’. Dieses Geständnis ist um so glaubwürdiger, als der Zwang nicht erst mit dem Kapital auf die Welt kommt. Er wird als Prinzip von Arbeitsorganisation von den Waren- und Geldbesitzern ebenso als Voraussetzung vorgefunden, wie der doppelt-freie Lohnarbeiter.

An der Feststellung, daß Zwang notwendig ist, ist zweierlei bemerkenswert.

·      Erstens muß man bei ihr kaum mit Widerspruch rechnen, da sie sich mit dem Alltagsverstand trifft, der sich etwa in der Floskel „was sein muß, muß sein“ ausspricht.

·      Zweitens setzt sie aber eine Unterscheidung zwischen Zwang und Notwendigkeit voraus: Notwendigkeit ist keine Art von Zwang oder so etwas Ähnliches wie er - womöglich eine gesteigerte Form von Zwang -, sondern sie ist ein mögliches Prädikat von Zwang, für den sich eben deswegen die Frage stellt, ob er - und wieweit er - notwendig ist oder nicht.

Beide Aspekte stehen in einem Gegensatz zueinander, weil die Zustimmung zur Notwendigkeit von Zwang sich selbst so versteht, als gelte sie dem Satz, daß Zwang, weil notwendig, nicht abschaffbar sei. Der Zwang nimmt dabei die Gestalt des gekrönten Todes an, der Herrschaftsverhältnisse so unabschaffbar erscheinen lassen will, wie die in der Natur begründete Sterblichkeit lebendiger Menschen. 

In diesem Bild spiegeln sich jedoch die Herrschaftsverhältnisse selbst. Der Mensch ist von Natur aus sterblich, aber die Krone, die der Sensenmann trägt, stammt nicht aus der Natur. Der Herr verkleidet sich als Natur, weil er dem Knecht gerne unter der Form der Notwendigkeit  begegnen will (seine Ohnmacht wiederholt sich darin, daß er gar nicht anders kann, als sich so zu verkleiden).

Daß der Zwang sich als Notwendigkeit hinstellt, erzeugt dann im Umkehrschluß die Vorstellung, daß Notwendigkeit so etwas Ähnliches sei wie Zwang, in welch selber Gestalt sie erst der Lieblingsgegner der in Fußnote 16 zitierten pauschalen Determinismuskritik ist.

3. Indirekte Steuerung

Im Totentanz fehlt die Entwicklung. Der Schlüssel zur Umkehrung seiner Logik liegt in der Verbindung von Notwendigkeit und Geschichte. Die Notwendigkeit ist als geschichtliche in sich selbst reflektiert, indem das, was notwendig ist, mit derselben Notwendigkeit aufhört, notwendig zu sein. Daß die Notwendigkeit des Notwendigen sich dabei in der Notwendigkeit ihrer Vergänglichkeit wiederholt, ist dabei der logische Springpunkt. Die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, die Marx als Quintessenz seiner Geschichtstheorie hingestellt hat (MEW Bd. 13, S. 9ff.), enthält eben dies: im Laufe der Geschichte hört das, was notwendig war, mit Notwendigkeit auf, notwendig zu sein. Aus einer Entwicklungsbedingung verwandeln sich bestimmte Verhältnisse in eine Entwicklungsschranke. Während sie vorher notwendig waren, wird es nun notwendig, sie über Bord zu werfen[17].

Die Theorie der Indirekten Steuerung[18] will darauf hinaus, daß eben dies zur Zeit dem Zwang bei der Arbeit widerfährt und dieser sich aus einer Entwicklungsbedingung in ein Entwicklungshindernis verwandelt. Er hört auf notwendig zu sein, und die Abschaffung von Zwang fängt an notwendig zu werden.

Anders als die Notwendigkeit schränkt der Zwang die Freiheit der Individuen ein. Wenn das Individuum als solches produktiv werden soll, beginnt der Zwang, die Entwicklung zu behindern. Und wenn das so ist, stellt sich für die Kapitaleigner die Frage, wie sie sich unter dieser Voraussetzung (als Schausteller eines von vergangenen Generationen verfaßten Dramas) noch sachgerecht verhalten können. Wie kann die Funktion, die der Zwang für die Steuerbarkeit von Unternehmen hatte, so ersetzt werden, daß die Ausübung von Macht mit einem Abbau von Zwangsverhältnissen unter einen Hut gebracht werden kann?

Die indirekte Steuerung ist die Antwort auf diese Frage. Sie liegt im wesentlichen darin, daß das Gezwungen-Werden durch ein Gezwungen-Sein und also ein Zwangs- durch ein Notwendigkeitsverhältnis ersetzt wird.

Der Zwang war im Arbeitsvertrag an die Stelle der Notwendigkeit getreten. Die Einführung indirekter Steuerungsmethoden läuft darauf hinaus, die Dynamik, die zur Unterschrift unter den Arbeitsvertrag führte (das Gezwungen-Sein), an die Stelle des Zwangs (das Gezwungen-Werden) zu setzen, und zwar so, daß der Arbeitskraftkäufer seine Macht jetzt in der Herbeiführung von Bedingungen verwirklicht, unter denen dem doppelt-freien Arbeiter gar nichts anderes übrig bleibt, als die Verwertung des Kapitals zu befördern.

In der Tat: An unserer eigenen Sterblichkeit werden wir nichts ändern können und an unserer animalischen Angst vor dem Tod auch nicht. Aber gegen gekrönte Sensenmänner müßte sich was machen lassen. Sie sind uns zu ähnlich.

[Bibliographische Angaben]

Klaus Peters (2007a):
Die Ohnmacht der Mächtigen
Anmerkungen zum Unterschied zwischen Zwang und Notwendigkeit
In: Gerd Peter, Hg., Grenzkonflikte der Arbeit.
Die Herausbildung einer neuen europäischen Arbeitspolitik.
Hamburg: VSA-Verlag, 2007. S. 241-253.
HTML-Datei:  http://klauspeters.com/r/2007a_Totentanz.htm
PDF-Datei: http://klauspeters.com/r/2007a_Totentanz.pdf
Abgeschlossen: 2007-01-09. Version: 2009-07-28.



[1] „Die Angst vor dem Tod ist ein Griff, an dem der Starke uns packt und führt, wohin es ihm gefällt. Zerbrecht den Griff, und enttäuscht die Hand des Starken.“

[2] Daß die Individualität bis zu den Knochen reicht, hat erst Leibniz erkannt. Zur Zeit der Totentänze wußte man davon noch nichts.

[3] Von den Mausoleen und Steinsärgen, die die sozialen Unterschiede in den Tod hinüber retten wollen, führt ein gerader Weg nach Transsylvanien.

[4] Clusone liegt etwa 50 km nördlich von Bergamo.

[5] Eine gründlichere Betrachtung des Totentanzes müßte neben manchem anderen sein Verhältnis zur Religion in den Mittelpunkt stellen und insbesondere nach seiner Beziehung zum Gedanken der Auferstehung fragen, der die Individualität retten will, während sie im Totentanz ruiniert wird.

[6] Als menschliches Skelett wird der Tod erst seit der Herausbildung des Verhältnisses von Lohnarbeit und Kapital dargestellt. Vgl. Lessing, 1769:  Wie die Alten den Tod gebildet. In: Werke, Hgg. Lachmann/Muncker, Bd. 11, S. 1-55.

[7] Marx: Das Kapital. MEW Bd. 23, S. 183.

[8] Die in beiden Drohungen jeweils enthaltene Bedingtheit soll sich dabei von selbst verstehen; einerseits: Wenn ich nicht tue, was er will, tötet er mich! - und andererseits: Wenn ich meine Arbeitskraft nicht verkaufen kann, kann ich nicht überleben! - Davor und danach droht mir der Tod bedingungslos - einfach deswegen, weil ich ein Lebewesen bin. Diese Differenzierung lasse ich hier links liegen, obwohl sie eigentlich zur Sache gehört.

[9] Sachzwang ist eine sprachliche Neubildung des 20. Jahrhunderts, deren wirkliche Karriere erst mit der Implosion des Staatsozialismus begann.

[10] Die hier vorgeschlagene Unterscheidung zwischen Zwang und Notwendigkeit steht im Einklang mit dem Sprachgebrauch Hegels. Bei Hegel ist Notwendigkeit eine Kategorie der Logik; Zwang ist dagegen eine Grundkategorie der Rechtsphilosophie und kommt in der Darstellung der Logik nicht vor, ebenso wenig wie das zugehörige Verbum zwingen. Eine auch nur gelegentliche Verwendung einer Begriffsbezeichnung - wie Zwang - als Metapher für einen anderen Begriff - wie Notwendigkeit - stünde ohnehin im Gegensatz zu Hegels Sprache, die ihre Kraft unter anderem aus solchen Vermeidungen zieht. (Bei Marx ist das anders.)

[11] Wie militärische Kommandosysteme zeigen, liegt der Verzicht auf die Drohung mit dem Tod nicht an der Form des Kommandos, sondern an der Form des Kapitals. Kriege kann nur führen, wer Soldaten auf Befehl in den Tod schicken kann. Militärische Systeme müssen darum aus in der Sache liegenden Gründen Befehlsverweigerung im äußersten Fall mit dem Tod bestrafen. Das Kapital kann sich dagegen auf die in der Umgebung des Kommandosystems lauernde Notwendigkeit verlassen und mit Bande spielen.

[12] Vgl. Peters (1995): Der Begriff der Autonomie und die Reorganisation von Unternehmen. In: Else Fricke (Hg.), Forum Humane Technikgestaltung, Heft 14. Bonn. S. 29. Sowie: Glißmann/Peters (2001), Mehr Druck durch mehr Freiheit. Hamburg. S. 29. - Die Unterscheidung zwischen ‚tun können, was man selber will’ und ‚tun können, was man will’ soll nicht aus einer speziellen Theorie des Willens abgeleitet werden, sondern eine solche begründen helfen.

[13] „…Anders mit dem Kapital. Seine historischen Existenzbedingungen sind durchaus nicht da mit der Waren- und Geldzirkulation. Es entsteht nur, wo der Besitzer von Produktions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet, und diese eine historische Bedingung umschließt eine Weltgeschichte.“ Marx, Das Kapital, MEW 23, S. 184.

[14] „Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ MEW Bd. 23, S. 16.

[15] MEW, Bd. 4, S. 135 gibt eine Übersetzung (von Bernstein und Kautsky). Im französischen Original heißt es: „auteurs et acteurs de leur propre drame“ (Marx, Misére de la Philosophie, Paris 1968, p. 124). Dabei spielt der acteur als Schauspieler die unfreie der beiden Rollen, während im sozialwissenschaftlichen Diskurs von heute mit Akteur umgekehrt der Mensch als auteur bezeichnet wird, nämlich als freier Täter oder Produzent, der das, was er tut, auch lassen könnte. Diese Bedeutungsambivalenz wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn die moderne Berufung auf Akteure nicht gerade die fatale Funktion hätte, die Akteure in ihrer zweiten Rolle - als unfreie ‚Schausteller’ - aus der Betrachtung auszublenden.

[16] Auffassungen wie diese stehen heute unter einem pauschalen Determinismusverdacht, der jedoch voreilig ist, solange er die gegen den Determinismus gerichtete Stoßrichtung dialektischer Geschichtstheorie übersieht. Die Naturwüchsigkeit des geschichtlichen Verlaufs wird von Marx als zu durchbrechende Entwicklungsform begriffen. Deterministisch wäre das höchstens insofern, als Voraussetzungen und Subjekt für das Durchbrechen der Naturwüchsigkeit in der naturwüchsigen Entwicklung selbst angelegt sind, so daß dazu keine Intervention aus einem moralischen oder religiösen Jenseits erforderlich wird. Wenn eine solche Theorie als deterministisch gelten soll, handelt es sich jedenfalls um einen invertierten Determinismus, insofern er gerade die Aufhebung der Determiniertheit der Entwicklung als geschichtlich determiniert ansieht und damit die Kritik, die der Determinismuskritiker seiner eigenen Schläue zugute halten will, im geschichtlichen Prozeß selbst verortet.

[17] Marx: „Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.“ MEW 13, S. 9.

[18] Vgl. zuletzt Peters, Sauer: Epochenbruch und Herrschaft. Indirekte Steuerung und die Dialektik des Übergangs. In: Dieter Scholz, Heiko Glawe, Helmut Martens u.a. (Hrsg.): Turnaround? Strategien für eine neue Politik der Arbeit. Münster: Dampfboot Verlag, 2006. S. 98-125.  Außerdem Glißmann/Peters, Mehr Druck durch mehr Freiheit. Die neue Autonomie in der Arbeit und ihre paradoxen Folgen. Hamburg: VSA, 2001.